Wenn es ein Wort gibt, mit dem die meisten Menschen in der westlichen Welt nichts zu tun haben wollen, dann ist es das Wort „alt“. Noch größer wird das Unbehagen, wenn es mit dem Wort „Frau“ kombiniert wird.
Genau deshalb hat Verena Lueken ihr Buch „Alte Frauen“ genannt – da müssen die meisten von uns erst mal durchatmen. Das klingt nach Schublade, nach Unsichtbarkeit, nach einem Etikett, das niemand tragen will. Und ja, Verena Lueken wusste, was sie tat. Denn wer schon beim Titel zusammenzuckt, ist Teil des Problems.
Ihr Buch ist kein Abgesang auf das Älterwerden, sondern eine Liebeserklärung an Frauen, die nicht verschwinden wollen. Frauen über 80, die malen, schreiben, tanzen. Frauen, die sich weigern, in die zweite Reihe zu treten – einfach, weil es dort keinen Platz für sie gibt.
Verena Lueken stellt damit etwas in Frage, das wir alle verinnerlicht haben: die Idee, dass Jugend alles und Alter nichts ist. In einer Gesellschaft, die sich an Schönheitsfiltern und Fitnessidealen abarbeitet, wird das Altern zum Tabu.
„Alte Frauen“ ist deshalb mehr als ein Buch. Es ist eine Korrektur. Ein Gegenerzählen. Eine Sammlung von Lebensgeschichten, die beweisen, dass das Alter kein Ende ist, sondern ein zweiter Anfang – voller Erfahrung, Witz, Widerstandskraft und, ja: Freiheit.
Denn, wie Luekens Protagonistin Isabella Ducrot sagt: „Die Freiheit einer Frau beginnt mit 60.“

Vom Schreckenswort zur Ehrenmedaille
Als Verena Lueken das Projekt begann, war ihr Umfeld skeptisch. „Bist du wahnsinnig? Mit so einem Titel fasst das niemand an“, hieß es. Doch sie blieb dabei. Heute, erzählt sie, bekomme sie E-Mails von jungen Frauen, die schreiben: „Wir können es kaum erwarten, alt zu werden.“
Im Buch porträtiert die Autorin Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und Choreografinnen, die alle über 80 sind – Frauen, die arbeiten, denken, gestalten. Frauen, die wissen, dass ihre Vergangenheit länger ist als ihre Zukunft, aber gerade darin eine neue Energie finden.
„Sie wissen genau, dass der Horizont sich senkt“, sagt Lueken. „Aber sie lassen sich ihre Kreativität nicht verderben.“
Drei Frauen, drei Wege
Jane Campbell, englische Schriftstellerin, veröffentlichte ihr erstes Buch mit 78 Jahren. Sie beschreibt sich selbst als „nicht unbedingt Feministin“, und doch steckt in ihrem Satz eine kleine Revolution: „Alte Frauen sind auch Menschen.“ Ein Satz, der banal klingt – und genau deshalb so viel über die Gesellschaft sagt, in der wir leben.
Isabella Ducrot, 94, Künstlerin aus Rom, wurde spät berühmt. Sie lebt in einem alten Palazzo, malt in ihrem Studio im Erdgeschoss und empfängt Besucher nur, wenn sie Zeit und Lust hat. „Ich gehe nirgendwo mehr hin außer von meiner Wohnung im 5. Stock runter ins Atelier. Meine Energie brauche ich für meine Arbeit“, sagt sie. Ihre Bilder hängen in Neapel, Zürich und New York – sie selbst reist längst nicht mehr.
Und dann sind da die Tänzerinnen und Performerinnen, die Lueken traf. Eine probiert mit 70 noch Pole Dance. „Das gibt mir Kraft“, sagt sie. Eine andere winkt ab: „Ich habe mein Leben lang gehungert und trainiert, jetzt ist Schluss.“ Zwei Frauen, zwei Haltungen – beide radikal frei.


Warum das Wort „alte Frau“ so weh tut
„Alt“ – das klingt nach Verlust. Doch Verena Lueken zeigt: Es ist ein gesellschaftlich konstruiertes Problem. In der westlichen Konsumkultur wird alles über Jugend verkauft – Produkte, Status, Begehrlichkeit. Frauen sind darin doppelt gefangen: Sie werden nicht nur über Leistung, sondern auch über ihr Aussehen bewertet.
„Dabei verliert man so unendlich viel“, sagt Lueken. „Erfahrung, Wissen, gelebte Zeit.“ Alter ist kein Defizit, sondern die Summe von allem, was war – und was noch bleibt.

Stimmen aus „Alte Frauen“
„Das Leben einer Frau in Freiheit beginnt mit 60.“
Isabella Ducrot
„Alte Frauen sind auch Menschen.“
Jane Campbell
„Niemand interessiert sich mehr für uns – wunderbar! Wir können machen, was wir wollen.“
eine porträtierte Künstlerin
„Alt werden ist nicht das Problem. Unsichtbar gemacht zu werden, das ist es.“
Verena Lueken
Schönheit des gelebten Lebens
Verena Lueken selbst fand Schönheit immer dort, wo andere sie übersehen. Sie erzählt von ihrer Mutter, die mit 93 starb und „selbst auf dem Sterbebett noch schön war“. Und von ihrer Großmutter, dreimal verheiratet, eigenwillig, klug. „Ich gucke alte Gesichter wahnsinnig gerne an“, sagt sie. „Da lagert sich etwas ab – Zeit, Erfahrung, Leben. Je ähnlicher sich junge Gesichter durch TikTok & Co. werden, desto lieber schaue ich in alte Gesichter.“


Wenn Unsichtbarkeit zur Freiheit wird
Viele der porträtierten Frauen beschreiben den 80. Geburtstag als eine Art Schwelle. Der Körper verändert sich, der Alltag auch – aber die Haltung bleibt. „Diese Frauen jammern nicht über das Altern“, sagt Lueken. „Sie nehmen es als Befreiung.“
Ein Zitat, das im Buch hängenbleibt: „Niemand interessiert sich mehr für uns – wunderbar! Wir können machen, was wir wollen.“ Wo Männer über den Verlust von Bedeutung klagen, verwandeln Frauen ihn in Selbstbestimmung.
Gelassenheit als Lebenskunst
Was sie aus der Arbeit an diesem Buch gelernt hat? „Gelassenheit“, sagt Lueken. „Vielleicht ein bisschen früher lernen, sich weniger hetzen lassen, unabhängiger werden von der Anerkennung anderer.“
Und wenn sie eine Botschaft formulieren müsste, dann diese:
„Alte Frauen sind auch Menschen.“

💡 Fazit
„Alte Frauen“ ist kein Buch über Schwäche, sondern über Stärke. Kein Plädoyer für das Altern, sondern für die Freiheit, so zu leben, wie man ist – jenseits der Erwartungen, jenseits der Filter.
Es zeigt Frauen, die den Blick auf das Alter verändern. Frauen, die sagen: Wir sind noch da. Wir schreiben, wir schaffen, wir denken. Und wir hören erst auf, wenn wir wollen.
Oder, wie Isabella Ducrot es formuliert: „Mit 60 fängt das Leben in Freiheit erst an.“
Verena Lueken: Alte Frauen
Ullstein Hardcover
320 Seiten
24,99 EUR (D)

Regula Bathelt
Regula ist Mitgründerin und CEO von Belle&Yell. Als internationale Marketing- und Branding-Expertin hat sie zahlreiche Marken betreut und mit Unternehmen wie AUDI und der Deutschen Telekom zusammengearbeitet. Mit über 30 Jahren unternehmerischer Erfahrung in TV, Werbung und Digital Business verbindet sie Kreativität mit strategischem Weitblick. Sie war als Wirtschaftsjournalistin und TV-Produzentin für Sender wie ZDF, RTL und Pro7 tätig, bis sie 1997 die Kommunikationsagentur SMACK Communications mitgründete. Bis heute unterstützt SMACK innovative und dynamische Unternehmen bei der erfolgreichen Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen. Regula ist überzeugte Europäerin, Wasser ist ihr Element und sie liebt Lesen, Schreiben, Sport und Hunde.


