Wie du Angehörigenpflege organisierst, ohne selbst aus deinem Leben zu verschwinden

Betti Kleemann hat einen wichtigen Kundentermin. In einer halben Stunde soll es losgehen. Dann klingelt das Telefon.

Ihre Mutter ist am Apparat, völlig aufgelöst: Bettis Vater ist verschwunden. Er leidet an Demenz und weiß möglicherweise nicht mehr, wo er ist oder wie er nach Hause kommt.

„Für was entscheidet man sich dann?“, fragt Betti rückblickend. Für sie sei die Antwort klar gewesen: für ihre Familie und ihren Vater. Ihr Kunde reagierte verständnisvoll. Doch selbstverständlich ist das nicht.

Genau in solchen Momenten zeigt sich, was Angehörigenpflege bedeutet. Sie ist kein zusätzlicher Termin, den man irgendwo zwischen Arbeit, Einkauf und Sport unterbringt. Sie greift in den gesamten Alltag ein – spontan, kompromisslos und bevorzugt dann, wenn ohnehin schon alles voll ist.

Und meistens sind es Frauen, die anschließend funktionieren.

Es beginnt nicht immer mit einer Diagnose

Bei Bettis Vater kam die Pflegebedürftigkeit nicht von einem Tag auf den anderen. Sie schlich sich in das Leben der Familie.

Er machte häufiger Dinge, die Betti und ihre Mutter seltsam fanden. Zunächst wirkten sie wie harmlose Momente von Vergesslichkeit. Doch mit der Zeit wurde deutlich, dass mehr dahintersteckte.

Bettis Mutter wollte davon zunächst nichts hören. Auch ihr Vater wehrte sich lange gegen einen Arztbesuch. Erst nach mehreren Jahren erhielt die Familie die Diagnose: Demenz.

Doch auch damit begann noch keine klar geregelte Pflege. Es gab keinen Plan, keine zentrale Anlaufstelle und keine Liste mit den nächsten zehn Schritten. Bettis Eltern lebten weiterhin in Bad Homburg, sie selbst in Frankfurt. Rund 20 Kilometer Entfernung – nah genug, um ständig einzuspringen, und weit genug, damit jeder Notfall zur logistischen Operation wurde.

Als ihr Vater von der Polizei orientierungslos aufgegriffen wurde, war klar: Jetzt musste sich etwas ändern. Aber was genau? Familienpflege hat vieles. Nur leider keinen Onboarding-Prozess.

Bevor Pflege zum zweiten Job wird: vier Fragen

Wer koordiniert – und wer übernimmt konkret?

Verteilt Arztkontakte, Anträge, Finanzen, Einkäufe und Besuche verbindlich.

Wo beginnt die Beratung?

Sucht je nach Wohnsitzland eine kommunale Beratungsstelle, Kranken- oder Pflegeversicherung, Patientenorganisation oder einen Angehörigenverein.

Welche Hilfe braucht die Familie?

Die Unterstützung für die pflegebedürftige Person und die Entlastung der Angehörigen sind nicht automatisch dasselbe.

Was kannst du nicht leisten?

Kläre deine Grenzen, bevor vorübergehende Hilfe zur Dauerzuständigkeit wird.

Der eigentliche Kraftakt findet oft neben der Pflege statt

Für Betti und ihre Mutter stand fest, dass der Vater zu Hause bleiben sollte. Während der Coronapandemie zogen die Eltern schließlich in eine Einliegerwohnung bei Betti und ihrem Mann. So ließ sich die Betreuung auf mehrere Schultern verteilen.

Die intensive Pflegephase dauerte sieben bis acht Jahre. Betti arbeitete weiterhin als Unternehmensberaterin. Neben Kundenterminen liefen Arztkontakte, Anträge, Absprachen und spontane Einsätze.

„Man hatte eigentlich immer ein schlechtes Gewissen“, sagt sie. Auf der Arbeit, weil zu Hause etwas passieren könnte. Beim Partner oder bei Freundinnen, weil wieder ein Plan abgesagt werden musste. Und beim Vater, weil auch viel gemeinsame Zeit nie ganz genug erschien.

Dabei erinnert sie sich nicht nur an Belastung. Sie nahm ihren Vater im Rollstuhl mit zum Joggen. Im Dorf kannte man die beiden irgendwann. Diese Momente hätte es ohne die Pflege vermutlich nie gegeben.

Pflege kann Nähe schaffen. Doch Nähe braucht Zeit – und die verschwindet, wenn Angehörige gleichzeitig Pflegerin, Terminmanagerin, Sachbearbeiterin und Familien-Notruf sind.

Ein System mit vielen Hilfen – und ohne Wegweiser

Pflegeangebote gibt es. Beratungsstellen, ambulante Dienste, Versicherungsleistungen, Vereine und Selbsthilfegruppen ebenfalls. Das Problem: Wer neu in die Situation gerät, muss zunächst selbst herausfinden, was davon wann gebraucht wird.

Betti beschreibt die Suche als Schnitzeljagd durch ein Labyrinth. Die Informationen sind irgendwo vorhanden. Nur selten liegen sie dort, wo eine erschöpfte Angehörige sie gerade braucht.

Das ist nicht nur ein deutsches Thema. Die CARE Survey 2024 des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen untersuchte mit mehr als 65.000 Befragten in allen 27 EU-Mitgliedstaaten, wie unbezahlte Sorgearbeit Alltag, Erwerbsarbeit und Wohlbefinden beeinflusst.

Für Frauen in der Lebensmitte trifft Pflege häufig auf eine ohnehin volle Phase: berufliche Verantwortung, eigene Kinder, Partnerschaft und die finanzielle Zukunft. Wer dann automatisch Arbeitszeit reduziert, löst kurzfristig ein Familienproblem – und schafft womöglich langfristig ein Einkommens- oder Rentenproblem.

Das System funktioniert also durchaus. Nur ein Teil seiner Kosten taucht in keinem offiziellen Budget auf.

Aus der Erfahrung entsteht Pflegana

Die Idee zu Pflegana kam Betti einige Jahre nach dem Tod ihres Vaters. Ihre Patentante war schwer erkrankt. Deren Sohn schloss vorübergehend seinen Handwerksbetrieb, die Tochter ließ sich freistellen. Beide legten ihr Leben weitgehend auf Eis, um die Mutter zu versorgen.

Für Betti war klar: So kann es nicht bleiben.

Pflegana ist eine von ihr entwickelte digitale Plattform, die für pflegende Angehörige aktiv Verwaltungsprozesse übernimmt, etwa das Stellen von Anträgen, die Erstellung von Dokumenten oder die Koordination mit Pflegediensten. Die offizielle Website beschreibt den Ansatz als KI gestützte Pflegeprozess Automatisierung.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs befand sich die Lösung für Angehörige noch im Aufbau. Geplant ist, dass das System nicht nur an Aufgaben erinnert, sondern Abläufe vorbereitet oder anstößt. Steht etwa ein Krankenhausaufenthalt an, sollen der Pflegedienst informiert, Dokumente vorbereitet und eine passende Packliste erstellt werden.

Pflegana löst eigentlich ein Zeitproblem – und ein Gewissensproblem“, sagt Betti.

Eine digitale Plattform kann keinen Menschen pflegen. Sie kann aber vielleicht dafür sorgen, dass die Tochter am Krankenbett nicht gleichzeitig noch nach dem richtigen Formular sucht.

Betti Kleemann, Gründerin Pflegana

Über Pflegana

Pflegana ist eine KI gestützte Plattform, die pflegende Angehörige bei der Bewältigung des Pflegealltags entlastet. Statt nur zu informieren, übernimmt Pflegana auch aktiv Verwaltungsprozesse wie das Stellen von Anträgen und erledigt Aufgaben, wie das Ausmachen von Terminen mit dem ambulanten Pflegedienst. Das Startup befindet sich aktuell in einer Finanzierungsrunde, um die Entwicklung weiter voranzutreiben und das MVP im September 2026 zu realisieren.

Hilfe ist kein Eingeständnis des Scheiterns

Bettis wichtigste Erkenntnis ist schlicht: Unterstützung muss früher kommen.

Ihre Mutter sträubte sich lange dagegen, Hilfe von außen anzunehmen. Sie kannte ihren Mann am besten und wollte die Verantwortung nicht abgeben. Verständlich – aber auf Dauer kaum zu schaffen.

Angehörigenpflege wird nicht besser, wenn eine Person alles allein übernimmt. Sie wird besser, wenn Aufgaben verteilt, professionelle Hilfen einbezogen und persönliche Grenzen ausgesprochen werden.

Das Ziel sollte nicht sein, dass Frauen noch belastbarer werden. Es sollte sein, dass sie in der Pflege nicht selbst aus ihrem Leben verschwinden.

Denn Angehörige sind nicht dazu da, ein lückenhaftes System unsichtbar zu reparieren. Sie sollten vor allem eines bleiben dürfen: Angehörige.

Pflege in Europa: Frauen tragen die Folgen

  • 13 % der pflegenden Frauen leisten mehr als 35 Stunden Pflege pro Woche – bei Männern sind es 10 %.
  • Fast jede dritte berufstätige Frau mit Sorgeverantwortung hat regelmäßig Probleme, Pflege und Beruf zu vereinbaren.
  • Frauen ab 65 erhalten in der EU im Schnitt 24,5 % weniger Rente als Männer. Teilzeit und Berufspausen wegen Care-Arbeit tragen dazu bei.

Kurz gesagt: Frauen geben mehr Zeit für Pflege – und zahlen dafür oft bis ins Alter.

Quellen: EIGE, Eurostat, Daten 2024