Jacinda Ardern war das Role Model einer neuen Macht: Mit 37 Jahren die jüngste Premierministerin der Welt, Mutter während der Amtszeit, Krisenmanagerin in Terror, Pandemie und Erdbeben – und dann: Rücktritt. Nicht weil sie musste, sondern weil sie wollte. Oder vielmehr: nicht mehr konnte. „I no longer feel I can do the job justice“, sagte sie. Kein Burn-out, keine PR-Strategie. Einfach Ehrlichkeit. Eine andere Art von Macht nennt sie das in ihrem mittlerweile erschienenen Buch. Kindness spielt die wichtigste Rolle.

Und währenddessen? Wird vielerorts zurückgedreht: Führung heißt wieder Härte zeigen. Kontrolle. Durchgreifen. Diversitätsprogramme zurückfahren. In vielen Ländern dieser Welt – oder auch in großen Konzernen mitten in Europa.

Was also tun? Vielleicht auf die hören, die sich seit Jahren mit einem anderen Führungsbegriff beschäftigen. Menschen wie Lunia Hara.

Empathie ist kein Gefühl – sondern Haltung

Lunia Hara ist Autorin des Buches „Empathische Führung“, Speakerin und Coach. Vor allem aber ist sie eine, die unbequem ehrlich hinschaut. „Empathie ist nicht das Gegenteil von Klarheit“, sagt sie im Gespräch. „Ich darf sagen: Ich bin enttäuscht. Ich darf Erwartungen äußern. Aber ich muss auch schauen: Wann ist der richtige Moment? Und was braucht mein Gegenüber, um sich entwickeln zu können?“

„Es geht nicht um ‚weich‘ oder ‚hart‘. Es geht um Beziehung und Verantwortung.“
Das ist kein Kuschelkurs. Das ist Haltung.

Not a feel-good strategy

„Empathie ist die Brücke“, sagt Lunia. „Aber das Ziel ist Mitgefühl. Und das bedeutet: Ich will aktiv etwas tun, um Leid zu lindern – auch im Unternehmenskontext.“ Denn: Wer heute nicht versteht, was seine Mitarbeitenden wirklich brauchen, verliert sie. Oder zahlt den Preis für ihre mentale Erschöpfung in Krankheitstagen, Dienst nach Vorschrift und Kündigungen.

„Viele Führungskräfte sagen einfach: Es gibt keine Gehaltserhöhung. Punkt. Aber das ist nicht empathisch. Empathisch wäre zu erklären, warum – und gemeinsam zu überlegen, was es künftig braucht. Dann fühlt sich der Mensch gesehen, auch wenn sein Wunsch nicht sofort erfüllt wird.“
Denn Mitgefühl ist eben keine Feel-Good-Strategie – es ist eine Führungsaufgabe. Lunia Hara bringt es auf den Punkt: Wir können Menschen nicht dauerhaft in Alarmbereitschaft halten und gleichzeitig Bestleistungen erwarten.“

Führung beginnt nicht im Büro – sondern viel früher

Für Lunia beginnt gute Führung nicht im Job, sondern in der Kindheit. Nicht, weil Eltern automatisch schlechte Chefs werden. Sondern weil unser Bild von Beziehung, Macht und Vertrauen dort geprägt wird. In ihrem Buch zieht sie klare Parallelen: „Eltern sollen ihre Kinder fördern, begleiten, ihnen Halt geben – ohne sie zu kontrollieren. Genau wie gute Führungskräfte.“ Die Basis? Selbstreflexion.

„Ich muss wissen: Woher kommen meine Werte? Was habe ich in meiner Kindheit über Macht und Vertrauen gelernt? Nur dann kann ich führen – im Beruf, aber auch als Mutter oder Vater.“ Wer diese Muster nie hinterfragt, wiederholt sie – ob am Esstisch oder im Büro.

Führen mit Angst? Führt in die falsche Richtung

Es ist ein beunruhigender Trend: In Krisenzeiten werden die Zügel angezogen. Regierungen, Unternehmen, Institutionen setzen wieder auf Kontrolle statt Kooperation. Man sagt: Die Menschen brauchen klare Ansagen. Was oft gemeint ist: Angst als Mittel zur Disziplin.

„Das mag kurzfristig funktionieren, weil Menschen gerade verunsichert sind. Aber sie bleiben nur still, solange sie keine andere Option haben“, warnt Hara.Und das ist brandgefährlich. Denn wenn Menschen weder politisch noch beruflich Sicherheit erleben, bricht etwas Grundlegendes: das Gefühl von Zugehörigkeit. Dann kommen Zynismus, innere Kündigung, Rückzug. „Menschen, die dauerhaft in Angst leben, gehorchen vielleicht. Aber sie geben nicht ihr Bestes.“

Gerade jetzt, in Zeiten multipler Krisen – Klima, Krieg, KI, Erschöpfung – braucht es das Gegenteil: Führung, die zuhört. Die Menschen ernst nimmt. Und fragt: Wie kann ich Sicherheit geben, ohne Kontrolle auszuüben?
Denn wer mit Angst führt, bekommt Gehorsam. Kein Engagement.

Lunia Hara sieht für Leader generell eine große Verantwortung: „Führung ist kein unternehmensinterner Akt. Sie hat gesellschaftliche Auswirkungen. Viele Krisen, die wir heute sehen – vom Klimaversagen bis zur Vertrauenskrise – sind Folgen schlechter, verantwortungsloser Führung.“

Warum Unternehmen Empathie brauchen

Mentale Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor:
  • 2023 gab es über 150 Millionen Fehltage durch psychische Erkrankungen (Quelle: DAK).
  • Führungskräfte sind laut Studien der größte Einflussfaktor auf psychische Gesundheit im Arbeitskontext.
Fachkräftemangel trifft vor allem autoritär geführte Unternehmen:
  • Junge Talente bevorzugen Unternehmen mit transparenter Kommunikation und Wertschätzung (Quelle: Deloitte Millennial Survey).
  • „People don’t quit jobs – they quit bosses.“
Psychologische Sicherheit = Innovation:
  • Google-Projekt „Aristotle“ zeigt: Teams mit psychologischer Sicherheit sind kreativer, produktiver und loyaler.

Warum empathische Führung Frauen stärkt

  • Faire Spielräume statt Machtspielchen
    Empathie macht Schluss mit Dominanzgehabe und schafft Raum für echtes Miteinander.
  • Neue Rollenbilder
    Frauen müssen sich nicht mehr anpassen – sie können führen, wie sie sind: klar, zugewandt, konsequent.
  • Care als Leadership-Kompetenz
    Was Frauen oft aus der Sorgearbeit mitbringen, wird zur gefragten Ressource im Job.
  • Mehr Sichtbarkeit
    Empathische Führung schafft Vorbilder – und Mut zur Nachahmung.
  • Transformation statt Anpassung
    Sie verändert Arbeitskultur nachhaltig und macht Vielfalt zur neuen Norm.

Fazit: Die Zukunft führt mit Gefühl

Jacinda Ardern nennt es „a different kind of power“.
Lunia Hara sagt: „Empathie kann man lernen. Sie beginnt mit einer Frage: Was brauchst du?“

Und genau das ist der Punkt: Kein Trend, keine Schwäche, kein Frauenthema. Sondern: vielleicht die wichtigste Führungsqualität unserer Zeit. Denn nur Menschen, die sich gesehen fühlen, bleiben. Und nur wachsende Menschen verändern Systeme.

Über Lunia Hara

Lunia Hara ist Vordenkerin für modernes Leadership und Autorin von „Empathische Führung”. Mit ihrer Erfahrung im Projekt- und Diversity Management bei Diconium bringt sie ein tiefes Verständnis dafür mit, wie inklusive und emotional intelligente Führung bessere Arbeitswelten schafft. Heute unterstützt sie Unternehmen und Führungskräfte dabei, menschenzentrierte Kulturen aufzubauen – mit Verbindung, Klarheit und nachhaltiger Wirkung.

Dagmar Thiam

Dagmar ist Mitgründerin und CMO von Belle&Yell. Die erfahrene TV- und Bühnenmoderatorin mit mehr als 25 Jahren internationaler Expertise war auch lange Jahre als Sportjournalistin tätig. Sie ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Unternehmerin mit einem Diplom in Betriebswirtschaft und internationalem Marketing. Neben ihren Tätigkeiten in Medien und Wirtschaft ist Dagmar auch ausgebildeter Einzel- und Teamcoach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihr breitgefächertes Fachwissen macht sie zu einer anerkannten Expertin für persönliches und berufliches Empowerment. Die zweifache Mutter liebt Sport (ehemalige Beachvolleyballerin), Groß-Familie, lebhafte Tischgespräche und Baumärkte.

Privacy Preference Center