Mädchen sind gut in Sprachen, Jungs können Technik. Schon im Alter von fünf Jahren beginnen viele Mädchen, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln – nicht weil sie weniger talentiert sind, sondern weil sie sich bereits durch stereotype Rollenbilder Grenzen setzen. Ewa Röhr und Julia Schümann, Eltern von einem Mädchen und einem Jungen, halten dagegen.
Wie stereotype Rollenbilder Kinderträume platzen lassen
Es beginnt früh. Schon mit fünf Jahren fangen viele Mädchen an, ihre Träume zu hinterfragen. Präsidentin? Ingenieurin? Astronautin? Was zunächst nach Kinderfantasie klingt, wird in diesem Alter zunehmend unwahrscheinlich. Der Grund: Stereotype, die ihnen – oft unbewusst – Grenzen setzen. Dieser Mechanismus hat einen Namen: Dream Gap.
Ewa und Julia, ein Paar und Mütter eines Jungen und eines Mädchens, erleben diese Realität täglich. „Unsere Tochter kam vor kurzem schwer deprimiert aus der Schule nach Hause, weil sie nicht mit den Jungs Fußball spielen durfte – nur weil sie ein Mädchen ist,“ berichtet Julia, die auch Expertin für Gender Design ist. „Da stehen wir als Eltern in der Pflicht, solche Erfahrungen auszugleichen und sie zu bestärken.“
Doch das Problem ist tief verankert. Kinder werden früh in starre Rollenbilder gedrängt – und die sind oft geschlechtsgebunden. „Schon im Kindergarten gibt es die Bauecke für die Jungs und die Puppenecke für die Mädchen,“ kritisiert Ewa. „Das prägt und schränkt ein.“ Studien bestätigen, dass Mädchen ab fünf Jahren anfangen, ihre Fähigkeiten anders zu bewerten als Jungen. Sie glauben weniger oft daran, „intelligent genug“ für anspruchsvolle Berufe zu sein.

Eine Frage der Konditionierung
Was Julia und Ewa beschreiben, sind alltägliche Erfahrungen, die oft unbewusst ablaufen. Es sind die Kleinigkeiten: Ritter und Superhelden auf den T-Shirts der Jungs, Prinzessinnen auf den T-Shirts der Mädchen. „Gender Design zeigt, wie Produkte und Botschaften strukturell ausschließen,“ erklärt Julia. „Kinder wachsen so in einer Welt auf, die ihnen sagt: Das ist für dich, und das ist es nicht.“
Das Ziel der beiden Mütter: ihren Kindern die Freiheit geben, sich jenseits solcher Normen zu entfalten. Ein Abendritual soll dabei helfen. Jeden Abend stellen sie ihren Kindern zwei Fragen: „Wer ist der wichtigste Mensch in deinem Leben?“ und „Was kannst du werden?“ Ihre Kinder antworten „Ich selbst“ und „Alles, was ich will.“

Auch Jungs leiden unter Rollenklischees
Doch nicht nur Mädchen haben mit den engen Grenzen der Geschlechterrollen zu kämpfen. Auch Jungs werden von Erwartungen eingeengt, die Stärke und Durchsetzungsvermögen betonen, aber Sensibilität oder Zurückhaltung als Schwäche werten. „Unser Sohn ist sensibel, und wir bestärken ihn darin, so zu sein,“ sagt Ewa. „Auch er soll sich frei fühlen, er selbst zu sein.“
Ewa und Julia haben sich zudem intensiv mit den Materialien beschäftigt, die ihre Kinder prägen. Sie durchstöberten Kinderbücher und Spielzeug, um zu erkennen, wie stark Stereotype in vermeintlich harmlosen Produkten verankert sind. „Es gab Bücher, in denen kein einziger weiblicher Traktorfahrer vorkam,“ berichtet Julia. „Solche Botschaften wirken subtil, aber nachhaltig.“
Mehr Mut zur Veränderung
Ewa und Julia sehen ihre Rolle als Vorbilder und als Wegbereiterinnen. Ihre Botschaft: „Wir müssen mutig sein und Kinder bestärken, über diese Schranken hinauszuwachsen.“ Sie sprechen darüber nicht nur im Freundeskreis, sondern auch öffentlich – in ihrem eigenen Podcast „Wir sind BOLD“.
Das Dream Gap mag tief verwurzelt sein, aber es ist nicht unveränderlich. Es beginnt bei kleinen Ritualen und neuen Perspektiven. „Wenn wir unsere Kinder dazu erziehen, an sich selbst zu glauben, haben wir schon viel erreicht,“ sagt Julia. „Die Welt verändert sich nicht von selbst – aber wir können sie besser machen.“ Zum Beispiel auch durch bewusste Sprache: „Also nicht, Frauen können Astronautin werden, sondern Frauen sind Astronautinnen.“
In diesem Sinne: Frauen sind Wissenschaftlerinnen, Frauen sind Ingenieurinnen, Frauen sind Unternehmerinnen, Frauen sind Präsidentinnen…und kleine Mädchen träumen groß, wenn wir sie dazu ermutigen.
Über Ewa und Julia: Beide arbeiten zusammen als selbstständige Unternehmerinnen in den Bereichen Markendesign, Sichtbarkeit und Inklusion. Sie haben zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Mit ihrem neuen Podcast „Wir sind BOLD“ wollen sie Frauen dazu inspirieren, aus starren Strukturen und Rollenbildern auszubrechen, sich selbst zu finden und ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu leben.

Dream Gap
Der Begriff Dream Gap beschreibt die Lücke zwischen den Träumen und Ambitionen von Mädchen und ihrer Selbstwahrnehmung, die sie davon abhält, diese zu verfolgen. Bereits ab etwa fünf Jahren beginnen viele Mädchen, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln – ein Effekt, der auf geschlechtsbasierte Stereotype und soziale Normen zurückzuführen ist. Studien der Entwicklungspsychologie, etwa von Dr. Andrei Cimpian und Dr. Lin Bian, zeigen, dass Mädchen seltener als Jungen Begriffe wie „brillant“ oder „sehr klug“ auf sich beziehen. Dadurch sinkt ihre Bereitschaft, sich in MINT-Fächern oder anderen anspruchsvollen Bereichen zu engagieren. Dieser früh erlernte, stereotype Blick auf die eigenen Fähigkeiten wird durch Spielzeug, Medien, Sprache und Erziehung verstärkt und beeinflusst ihre Selbstwahrnehmung nachhaltig.

Gender design
Gender Design beschäftigt sich mit der bewussten Gestaltung von Produkten, Räumen, Medien und Botschaften, um geschlechtsspezifische Stereotype zu hinterfragen und aufzubrechen. Es zielt darauf ab, Designs zu schaffen, die niemanden aufgrund von Geschlecht ausschließen oder in Rollenklischees zwängen. Ein Beispiel: Rasierer für Frauen werden oft rosa und floral gestaltet, während die männliche Variante dunkel und technisch wirkt – obwohl beide identische Funktionen erfüllen. Gender Design hinterfragt solche Konventionen und setzt auf neutrale oder vielfältige Ansätze, die allen Menschen gleichermaßen gerecht werden. Ziel ist es, eine inklusive, offene Gesellschaft zu fördern, in der Gestaltung keine Grenzen setzt, sondern Möglichkeiten eröffnet.
Regula Bathelt
Regula ist Mitgründerin und CEO von Belle&Yell. Als internationale Marketing- und Branding-Expertin hat sie zahlreiche Marken betreut und mit Unternehmen wie AUDI und der Deutschen Telekom zusammengearbeitet. Mit über 30 Jahren unternehmerischer Erfahrung in TV, Werbung und Digital Business verbindet sie Kreativität mit strategischem Weitblick. Sie war als Wirtschaftsjournalistin und TV-Produzentin für Sender wie ZDF, RTL und Pro7 tätig, bis sie 1997 die Kommunikationsagentur SMACK Communications mitgründete. Bis heute unterstützt SMACK innovative und dynamische Unternehmen bei der erfolgreichen Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen. Regula ist überzeugte Europäerin, Wasser ist ihr Element und sie liebt Lesen, Schreiben, Sport und Hunde.


