Warum wir auch später noch Dinge tun sollten, bei denen wir keine Ahnung haben, was wir da eigentlich machen
Das erste Mal vergisst man nie, heißt es. Das klingt romantisch, ist aber nicht immer wahr. An meinen ersten Zahnarzttermin erinnere ich mich beispielsweise nicht. Auch nicht an meinen ersten ersten ausgefüllten Steuerbescheid. Vermutlich hat mein Gehirn aus Gründen des Selbstschutzes einiges gelöscht.
Andere erste Male bleiben dagegen hängen: der erste Kuss, der erste Job, die erste eigene Wohnung, das erste Mal allein reisen. Und natürlich das erste Mal, als man in einem Meeting so tat, als hätte man den komplizierten Vortrag verstanden.
Erste Male gehören zum Leben. Zumindest am Anfang. Später werden sie merkwürdigerweise seltener.

Irgendwann kennen wir den Ablauf
Mit zwanzig ist fast alles neu. Der Beruf, die Beziehungen, die Städte, die Fehler. Man wacht morgens auf und weiß nicht, ob man am Abend einen neuen Job, eine neue Liebe oder wenigstens eine neue Frisur haben wird.
Mit fünfzig weiß man häufig schon am Morgen, wie der Tag ausgeht.
Man kennt den Weg zum Supermarkt. Man bestellt im Restaurant das Gericht, das man immer bestellt. Man fährt in den Urlaub an einen Ort, an dem man bereits weiß, welche Liege am Pool am wenigsten wackelt.
Das ist angenehm. Erfahrung ist schließlich etwas Großartiges. Sie sorgt dafür, dass wir nicht mehr jede Nachricht überinterpretieren, jedes Sonderangebot kaufen und jeden Mann für geheimnisvoll halten, nur weil er wenig spricht.
Erfahrung macht das Leben leichter. Sie kann es allerdings auch ziemlich vorhersehbar machen.
Das Problem mit der Komfortzone
Die Komfortzone hat ein schlechtes Image. Dabei ist sie wunderbar. Sie ist warm, sie kennt unser WLAN-Passwort und dort stehen unsere Lieblingsschuhe.
Warum sollten wir sie verlassen?
Weil sie mit der Zeit erstaunlich klein werden kann. Nicht plötzlich, eher schleichend. Erst fahren wir nicht mehr nachts Auto. Dann nicht mehr in unbekannte Städte. Dann nicht mehr allein. Schließlich vermeiden wir sogar ein neues Sportstudio, weil dort niemand weiß, dass wir normalerweise sehr kompetente Menschen sind.
Neues ist unangenehm, weil es uns wieder zu Anfängerinnen macht. Und Anfängerinnen können Dinge nicht.
Sie fallen vom Surfbrett. Sie drücken beim Onlinekurs den falschen Button. Sie verstehen beim Töpfern nicht, warum aus der Vase erneut ein Aschenbecher geworden ist.
Erwachsene Frauen sind es gewohnt, Dinge im Griff zu haben. Wir organisieren Projekte, Familien, Unternehmen, Arzttermine, Geburtstage und notfalls das Leben anderer Menschen. Dann stehen wir plötzlich auf einem Paddleboard und wissen nicht einmal, wie herum das Paddel gehört.
Demütigend. Und ziemlich befreiend.


Das erste Mal nach dem ersten Leben
Vielleicht brauchen wir später im Leben eine neue Kategorie: das erste Mal nach dem ersten Leben. Das erste Mal allein essen gehen, einen unbekannten Ort bereisen oder auf einem Konzert tanzen, obwohl die eigene Altersgruppe noch fest auf ihren Sitzplätzen klebt. Das erste Mal surfen, kündigen, gründen oder laut sagen:
„Das möchte ich nicht mehr.“ Und vielleicht noch wichtiger: „Das möchte ich jetzt.“
Nicht jedes erste Mal muss spektakulär sein. Wir müssen nicht sofort aus einem Flugzeug springen, nach Peru auswandern oder eine Karriere als DJane beginnen – obwohl gegen Letzteres grundsätzlich wenig einzuwenden wäre. Es kann schon reichen, allein ins Kino zu gehen, einen Kurs zu besuchen, bei dem man niemanden kennt, oder eine Frau anzusprechen, die interessant wirkt.
Entscheidend ist nicht die Größe des Vorhabens. Entscheidend ist dieser kurze Moment, in dem das Gehirn irritiert feststellt: Das machen wir normalerweise nicht.
„Zu alt“ bedeutet häufig nur „noch nicht gut“
Natürlich fühlt es sich nicht immer fantastisch an, etwas Neues zu beginnen. Viele erste Male sind eine Mischung aus Euphorie, leichter Panik und der Frage, ob man unbemerkt wieder nach Hause gehen könnte. Genau darin liegt ihr Wert: Wer etwas zum ersten Mal tut, kann noch nicht einfach funktionieren. Sie muss beobachten, fragen, ausprobieren und improvisieren.
Der Satz „Dafür bin ich zu alt“ klingt vernünftig. Häufig bedeutet er jedoch nur: Ich möchte ungern wieder schlecht in etwas sein. Erwachsene Frauen haben viel Zeit damit verbracht, kompetent zu werden. Freiwillig in einen Zustand zurückzukehren, in dem man nicht einmal weiß, wie das Gerät einschaltet, erscheint da zunächst wenig attraktiv.
Vielleicht ist es aber nicht zu spät, ein Unternehmen zu gründen – du tust es nur mit mehr Erfahrung und deutlich weniger Bereitschaft, dich von einem Mann mit Podcast-Mikrofon über Unternehmertum belehren zu lassen. Und vielleicht ist es auch nicht zu spät, dich noch einmal zu verlieben. Du weißt inzwischen lediglich, dass emotionale Unerreichbarkeit keine faszinierende Persönlichkeitseigenschaft ist.
Ein Neuanfang wird durch Erfahrung nicht unmöglich. Er wird weniger naiv – und oft sehr viel interessanter.


Die Liste ohne Ablaufdatum
Wir führen Listen für alles: Einkäufe, Aufgaben, Reisegepäck, Passwörter und Bücher, die wir irgendwann lesen wollen. Vielleicht brauchen wir noch eine andere – eine Liste der ersten Male, die noch vor uns liegen.
Nicht als optimierte Bucket List mit Leistungsdruck. Niemand muss zehn Länder in zehn Monaten besuchen, bevor das Knie endgültig knackt. Es geht auch nicht darum, aus jedem Wochenende ein persönliches Entwicklungsprojekt zu machen. Manchmal ist ein Sonntag auf dem Sofa eine vollkommen vernünftige Entscheidung.
Die Liste soll lediglich daran erinnern, dass das Leben nicht nur aus Wiederholungen bestehen muss.
Was wolltest du schon immer ausprobieren? Wobei wärst du gern noch einmal Anfängerin? Und wann hast du zuletzt etwas getan, ohne vorher zu wissen, ob du es kannst?
Die Liste der ersten Male endet nicht mit 25. Sie wird später vielleicht sogar besser: weniger geprägt von Erwartungen, weniger auf Wirkung bedacht und sehr viel näher an dem, was wir tatsächlich erleben wollen. Man muss nur gelegentlich etwas Neues darauf schreiben.


