Wie Rachel Etse als schwarze Frau Räume betritt, die nicht für sie gemacht wurden – und warum genau das unsere Gesellschaft verändert.
Rachel Etse ist Ethnologin, rassismuskritische Trainerin, Bildungsreferentin – und unbequem im besten Sinne. Sie redet nicht um den heißen Brei, sie redet rein. Über strukturellen Rassismus. Über Selbstzweifel. Über Mut. Und über die Kraft, sich selbst nicht kleinzumachen – auch wenn alles im Raum dagegen spricht.

Vom Jurastudium ins Herz der Strukturen
Fast wäre Rachel Juristin geworden. Scheinfrei, kurz vor dem Abschluss – und dann der Ausstieg. „Ich wusste nicht, wohin die Reise geht, aber ich wusste: Das ist nicht mein Weg.“ Statt Robe: Forschungsraum. Statt Gerichtssaal: Fußballplatz. Heute promoviert sie in Ethnologie, forscht zu Kolonialismus und eurozentrischen Denkmustern, hält Schulungen für den DFB, arbeitet in Polizeistrukturen – und bringt ihre doppelte Expertise ein: als Wissenschaftlerin und als betroffene Person.
„Ich bringe eine Expertise mit, die ich mir nicht ausgesucht habe“, sagt sie. „Ich weiß, wie sich Rassismus anfühlt. Und ich mache diesen Raum auf, um andere mitzunehmen – nicht, um alle zu schonen.“
„Empowerment beginnt im Inneren“
Mut ist kein Zufall. Rachel erzählt, dass sie seit fünf Jahren monatlich für drei Stunden im Coaching sitzt. Nicht, weil sie schwach wäre – sondern weil sie stark bleiben will. „Ich habe gelernt: Es reicht nicht, nur klug zu sein. Als Frau in männerdominierten Strukturen musst du in deiner inneren Haltung absolut klar sein. Du musst wissen: Ich bin hier. Ich habe das Recht, hier zu sein. Ich werde gehört.“
Für sie ist diese Arbeit am Selbstwert keine Kür, sondern Überlebensstrategie – und ein Aufruf an alle Frauen. „Wenn wir uns trauen würden, unsere Schatten anzuschauen, unsere Selbstzweifel, unsere alten Wunden – dann würden wir in einer anderen Welt leben. Female Empowerment heißt nicht: Ich passe mich an. Es heißt: Ich baue Räume neu.“


Szenen, die bleiben
Wenn Rachel Workshops gibt, zum Beispiel in Fußballleistungszentren, passiert oft das Gleiche: verschränkte Arme, hochgezogene Augenbrauen, Skepsis. „Manche tun so, als würden sie schlafen – bis ich beginne zu sprechen.“ Spätestens dann merken alle im Raum: Hier sitzt eine Expertin, die nicht nur Theorie liefert, sondern Klarheit, Haltung und Erfahrung.
Sie zeigt sich dabei auch verletzlich. „Ich sage: Ich bin schwarz, ich bin Frau, ich bin hier. Und ich brauche Rückendeckung. Das ist kein Bonus – das ist eine Notwendigkeit.“ Diese Offenheit verändert Räume. Weil sie nicht nur auf der Sachebene bleibt, sondern sich als Mensch zeigt. Und zugleich andere auffordert, Verantwortung zu übernehmen.
Solidarität statt Konkurrenz
Ein Thema, das Rachel besonders wichtig ist: Solidarität unter Frauen. „Internalisierter Sexismus ist real. Wer es nach oben geschafft hat, versperrt manchmal anderen den Weg, aus Angst, die eigene Position zu verlieren. Aber Empowerment heißt, dass wir uns gegenseitig stärken.“
Gerade marginalisierte Gruppen kennen dieses Phänomen gut: Misstrauen in den eigenen Reihen. Rachel plädiert dafür, diese Muster zu durchbrechen. „Es geht nicht darum, dass eine gewinnt und die andere verliert. Es geht darum, dass wir alle nach oben kommen – und gemeinsam neue Strukturen aufbauen.“


Unsicherheit ist normal – aber keine Ausrede
In ihren Workshops erlebt sie oft weiße Menschen, die fragen: Was darf ich noch sagen? Wie kann ich helfen? Ihre Antwort ist klar: „Unsicherheit ist okay, wenn du sie anerkennst. Aber sie darf keine Ausrede sein. Wir haben genug Bücher, Podcasts, Filme, Initiativen. Bildet euch selbst. Sensibilisiert euch. Fangt bei euch an.“
Sie fordert damit kein Schuldbekenntnis. Sondern Verantwortung. „Viele denken immer noch, Rassismus ist etwas, das anderen passiert. Oder das nur von bösen Menschen ausgeht. Aber Rassismus ist ein System. Und wir sind alle Teil davon. Auch ich. Auch du. Die Frage ist: Wie bewusst willst du Teil davon bleiben?“
Vision statt Verteidigung
Was Rachel nachts wach hält? „Unsere politische Lage. Der Rechtsruck. Die Frage, ob unsere Demokratie die nächsten vier Jahre standhält.“ Aber was ihr Hoffnung gibt, ist größer: das unausgeschöpfte Potenzial.
„Wir reden viel über das, was schiefläuft. Aber wir haben noch gar nicht richtig angefangen zu träumen. Wo wollen wir hin? Wie soll diese neue Gesellschaft aussehen?“
Ihre Antwort: Eine Gesellschaft, in der Rassismus kein Sonderthema ist, sondern Mainstream. In der es wöchentliche TV-Sendungen zur rassismuskritischen Bildung gibt. In der Betroffene nicht mehr die ganze Aufklärungsarbeit leisten müssen. Und in der weiße Menschen sagen: Wir tragen das jetzt auch.


Fakten, die Strukturen zeigen
Schwarze Frauen in Machtstrukturen
- Laut Afrozensus (2020) haben 79 % der Schwarzen Frauen in Deutschland Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt.
- Nur etwa 1 % der Professuren in Deutschland werden von Schwarzen Menschen besetzt – unter den Frauen sind es noch weniger.
Im Fußball sichtbar – aber selten in Führung
- In den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga sind rassifizierte Jugendliche überproportional vertreten.
- In Trainerposten oder Vereinsführungen hingegen liegt der Anteil Schwarzer Menschen im Promillebereich.
Anti-Rassismus ist kein Gefühl – es ist Wissen
- Studien zeigen: Menschen mit höherer Rassismus-Kompetenz haben weniger Angst, Fehler zu machen – sie fühlen sich sicherer, wenn sie aktiv werden.
- Rachel Etse: „Unsicherheit darf kein Dauerzustand sein. Bildung ist Verantwortung.“
Empowerment braucht Innen- und Außenarbeit
- Coaching, Mentoring und Selbstreflexion stärken Frauen nachhaltig in männlich geprägten Systemen.
- „Es reicht nicht, Strukturen zu verändern. Wir müssen auch unser Selbstbild neu bauen“, sagt Rachel.
10 Sätze von Rachel Etse zum Einrahmen
🖤 „Ich gehe in Räume, in denen ich nicht erwartet werde – genau deshalb bleibe ich.“
✊🏾 „Female Empowerment heißt nicht: Ich passe mich an. Es heißt: Ich baue Räume neu.“
📚 „Unsicherheit ist okay – aber sie darf keine Ausrede sein.“
🌿 „Was du über dich selbst denkst, entscheidet darüber, wie du Räume betrittst.“
🔥 „Ich mache mich verletzlich – und genau das ist meine Stärke.“
💥 „Empowerment ist auch: Ich traue mich, mir meine eigenen Schatten anzuschauen.“
🧠 „Diese innere Arbeit ist anstrengend – aber sie ist der radikalste Akt von Selbstermächtigung.“
🗣 „Ich sage nicht: schützt mich. Ich sage: Seht mich.“
🧩 „Viele glauben, Rassismus ist etwas, das anderen passiert. Aber wir alle sind Teil des Systems.“
🎙 „Ich will nicht nur Strukturen verändern. Ich will, dass wir anfangen, neu zu denken.“
Fazit
Rachel Etse zeigt, was passiert, wenn Haltung auf Mut trifft: Räume verändern sich, Perspektiven weiten sich, Systeme ordnen sich neu. Sie erinnert uns daran, dass Empowerment kein individuelles Privileg ist – sondern ein kollektiver Auftrag. Und Rachel brennt. Nicht nur für das, was war. Sondern für das, was kommen kann.

Über Rachel Etse
Rachel Esinam Etse ist Ethnologin, rassismuskritische Trainerin und Gründerin ihrer eigenen Bildungsarbeit – mit dem klaren Ziel, nachhaltigen Wandel in Wirtschaft, Organisationen und Sport zu initiieren. Sie promoviert aktuell an der Universität Mainz zur Bereitschaftspolizei und kombiniert ihr ethnologisches Fachwissen mit scharfer Rassismusanalyse und postkolonialer Kritik. Mit Workshops, Vorträgen und Schulungen bei Partnern wie Fraport AG, dem DFB und Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren macht sie Rassismus sichtbar und aktiv veränderbar. Ihre praxisnahen Formate fördern Empowerment durch Selbstreflexion, inklusive Handlungsstrategien und Räume für Betroffene sowie Intervenierende – damit diskriminierungskritische Bildung nicht an der Oberfläche bleibt, sondern Gesellschaft prägt.
Dagmar Thiam
Dagmar ist Mitgründerin und CMO von Belle&Yell. Die erfahrene TV- und Bühnenmoderatorin mit mehr als 25 Jahren internationaler Expertise war auch lange Jahre als Sportjournalistin tätig. Sie ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Unternehmerin mit einem Diplom in Betriebswirtschaft und internationalem Marketing. Neben ihren Tätigkeiten in Medien und Wirtschaft ist Dagmar auch ausgebildeter Einzel- und Teamcoach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihr breitgefächertes Fachwissen macht sie zu einer anerkannten Expertin für persönliches und berufliches Empowerment. Die zweifache Mutter liebt Sport (ehemalige Beachvolleyballerin), Groß-Familie, lebhafte Tischgespräche und Baumärkte.


