Warum der Buchclub „Mädels, die lesen.“ mehr ist als ein Trend

Lesen gilt als langsam. Unproduktiv. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Während wir lernen, Inhalte in Sekunden zu bewerten, wegzuwischen oder zu verwerfen, entscheiden sich immer mehr Frauen bewusst für das Gegenteil: Sie lesen. Seite für Seite. Ohne Algorithmus. Ohne Leistungsversprechen. Ohne Optimierungsdruck.

Einer der Orte, an denen das passiert, heißt „Mädels, die lesen“. Ein digitaler Buchclub mit über 11.000 Mitgliedern weltweit. Gegründet von Helen Daughtrey. Nicht aus einer Business-Idee heraus, sondern aus einem persönlichen Bedürfnis. Und vielleicht liegt genau darin seine Kraft.

Kein Businessplan. Kein Pitch. Nur ein Bedürfnis.

Als Helen „Mädels, die lesen.“ gründet, sucht sie kein Geschäftsmodell. Sie ist krank, erschöpft, in Therapie. Lesen hilft ihr, Gedanken zu sortieren, Distanz zu gewinnen, bei sich zu bleiben.

„Ich wollte mit anderen Frauen über Bücher sprechen – nicht mit meinem Partner und nicht mit meiner Therapeutin“, sagt sie.

Also startet sie einen Instagram-Account. Ohne Strategie. Ohne Ziel. Einfach, weil es sich richtig anfühlt. Dass daraus einmal einer der größten digitalen Buchclubs im deutschsprachigen Raum entstehen würde, ist zu diesem Zeitpunkt kein Gedanke.

Stolpern als Prinzip

Helen beschreibt ihren Weg nicht als Aufstieg, sondern als Bewegung mit Umwegen. Schulabbruch kurz vor dem Abitur, Depression, frühe Verluste. „Ich fühle mich oft, als würde ich durchs Leben stolpern“, sagt sie.

Und genau das macht diese Geschichte so untypisch für klassische Gründungsnarrative. Hier geht es nicht um Vision-Statements, sondern um Dranbleiben. Nicht um Kontrolle, sondern um Konsequenz. Erfolg entsteht nicht aus Klarheit, sondern aus der Bereitschaft, trotzdem weiterzugehen.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen dieses Buchclubs: Man muss nicht bereit sein, um anzufangen.

Wenn Langsamkeit plötzlich relevant wird

Während Inhalte immer schneller, lauter und fragmentierter werden, wächst gleichzeitig ein Bedürfnis nach Tiefe. Nach Konzentration. Nach gedanklicher Ordnung. Lesen und Schreiben erleben deshalb keine nostalgische Rückkehr, sondern eine notwendige.

Als bewusste Gegenbewegung zu Dauerbeschallung, Vergleichsdruck und digitaler Erschöpfung. Studien zeigen längst, dass weder Kinder noch Erwachsene langfristig von permanenter Reizüberflutung profitieren. Schweden und Dänemark reduzieren aktuell digitale Endgeräte an Schulen und setzen wieder stärker auf gedruckte Lernmaterialien. Die Begründung: bessere Konzentration, tiefere Verarbeitung, weniger mentale Überforderung.

Lesen ist damit kein Rückschritt. Es ist ein Werkzeug. Für Aufmerksamkeit. Für Selbstregulation. Für Denken in Zusammenhängen.

Was dieser Buchclub anders macht

„Mädels, die lesen.“ ist kein Konsumformat. Die Community liest gemeinsam ca. alle 6 Wochen ein Buch – meist zehn Seiten pro Tag. Ohne Zwang. Ohne Kontrolle. „Wenn jemand nicht hinterherkommt, ist das völlig okay“, sagt Helen. „Die Struktur hilft – aber sie ist kein Druckmittel.“

Ergänzt wird das Lesen durch Gespräche, Filmabende, Koch- und Kreativrunden. Die Bücher werden von der Community vorgeschlagen, ausgelost und gemeinsam ausgewählt. Lesen wird hier nicht bewertet, sondern geteilt. Nicht optimiert, sondern gelebt.

Es geht nicht darum, wie viel man liest. Sondern dass man liest.

Warum Frauen Buchclubs tragen – und warum das kein Zufall ist

Dass Buchclubs vor allem von Frauen getragen werden, ist kein neues Phänomen. Oprah Winfrey prägt mit ihrem Book Club seit Jahrzehnten internationale Bestsellerlisten. Reese Witherspoon hat mit ihrem Buchclub nicht nur Millionen Leserinnen erreicht, sondern ganze Film- und Serienproduktionen angestoßen.

Studien zeigen: Frauen nutzen Lesen häufiger als Raum für Selbstreflexion, emotionale Verarbeitung und Austausch. Buchclubs bieten genau das – Resonanz statt Bewertung, Verbindung statt Vergleich. Sie schaffen soziale Räume, in denen Denken erlaubt ist, ohne laut sein zu müssen.

Mädels, die lesen.“ steht damit in einer internationalen Linie – übersetzt diesen Trend aber leise, persönlich und niedrigschwellig in den deutschsprachigen Raum.

Karriere ohne Pose – und Lesen als Selbstregulation

Helen entspricht nicht dem Bild der lauten Gründerin. Sie ist zurückhaltend, reflektiert, bescheiden. Sichtbarkeit musste sie lernen.

„Ich habe gelernt, mich selbst ins Spiel zu bringen“, sagt sie. Preise anzunehmen. Anfragen zu stellen. Ja zu sagen. Nicht, weil sie es liebt – sondern weil Wirkung sonst ausbleibt.

Lesen spielt dabei bis heute eine zentrale Rolle. Nicht als Hobby, sondern als Form von Selbstregulation. Als Möglichkeit, bei sich zu bleiben, bevor man sich nach außen positioniert.

Karriere entsteht hier nicht aus Chuzpe. Sondern aus Haltung. Und aus der Fähigkeit, das eigene Tempo zu akzeptieren.

Warum Lesen heute wieder relevant ist

Lesen senkt Stress.

Schon sechs Minuten Lesen können den Stresslevel um bis zu 67 Prozent reduzieren – stärker als Musik oder Social Media.

Lesen schafft Verbindlichkeit.

Teilnehmerinnen von Buchclubs lesen Bücher deutlich häufiger vollständig als Einzelpersonen.

Lesen stärkt Konzentration und Empathie.

Regelmäßiges Lesen verbessert Aufmerksamkeitsspanne und emotionales Verstehen.

Gedrucktes Lesen entlastet das Gehirn.

Analoge Inhalte reduzieren kognitive Reizüberflutung und wirken regulierend auf das Nervensystem.

Gesellschaften denken um.

Skandinavische Länder reduzieren digitale Devices in Bildungskontexten zugunsten gedruckter Materialien – aus gutem Grund.

Fazit: Einfach anfangen kann reichen

Helen Daughtreys Geschichte ist keine klassische Gründungsstory. Sie ist ein Gegenmodell. Zu Hustle-Kultur. Zu Lautstärke. Zu der Vorstellung, man müsse von Anfang an wissen, wohin alles führt.

Vielleicht entsteht Relevanz genau dort, wo jemand anfängt, ohne es Karriere zu nennen. Nicht perfekt. Nicht laut. Aber konsequent.

Oder anders gesagt: Lesen ist hier kein Hobby. Es ist Widerstand.

Dagmar Thiam

Dagmar ist Mitgründerin und CMO von Belle&Yell. Die erfahrene TV- und Bühnenmoderatorin mit mehr als 25 Jahren internationaler Expertise war auch lange Jahre als Sportjournalistin tätig. Sie ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Unternehmerin mit einem Diplom in Betriebswirtschaft und internationalem Marketing. Neben ihren Tätigkeiten in Medien und Wirtschaft ist Dagmar auch ausgebildeter Einzel- und Teamcoach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihr breitgefächertes Fachwissen macht sie zu einer anerkannten Expertin für persönliches und berufliches Empowerment. Die zweifache Mutter liebt Sport (ehemalige Beachvolleyballerin), Groß-Familie, lebhafte Tischgespräche und Baumärkte.

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