Ein Interview mit Regisseurin Louise Unmack Kjeldsen über Schlaflosigkeit, Forschungslücken – und warum wir die Wechseljahre endlich ins Spotlight setzen sollten.
Diese Woche feiert ein Film Premiere, der längst überfällig ist: „Mein neues altes Ich – Mythos Menopause“ von Louise Unmack Kjeldsen. Ein Dokumentarfilm über die Menopause – persönlich, wissenschaftlich, politisch. Und ja: der erste europäische Film, der dieses Thema so groß auf die Leinwand bringt.
Ab dem 12. März 2026 läuft der Film im Kino.
Im Anschluss startet eine Movietour durch zehn deutsche Städte – mit den TabooTalkerinnen Sandra Baron und Tina Holmes, die selbst Protagonistinnen im Film sind. Ein Film. Eine Bewegung. Eine Tour.
Wir haben mit Louise gesprochen.

„Ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht.“
Belle&Yell: Louise, dein Film beginnt sehr persönlich. Was war der Moment, in dem du gemerkt hast: Hier passiert etwas mit meinem Körper – und ich verstehe es nicht?
Louise Unmack Kjeldsen:
Ich war an einem guten Punkt in meinem Leben. Meine Kinder waren groß, ich liebte meine Arbeit, mein Mann und ich hatten wieder mehr Freiheit. Und plötzlich konnte ich nicht mehr schlafen. Mein Kopf fühlte sich an wie Brei. Ich war gereizt, traurig – ohne Grund. Ich dachte: Das kann doch nicht sein. Ich habe doch allen Grund, glücklich zu sein.
In einer dieser schlaflosen Nächte habe ich angefangen zu googeln. Und da habe ich sie gefunden: Tausende Frauen weltweit, die dasselbe suchten wie ich. Antworten.

40 Symptome. Und kaum Forschung.
Belle&Yell: Du wolltest ursprünglich einen evidenzbasierten Wissenschaftsfilm machen.
Louise:
Ja. Mein Plan war: Ich finde die Expertinnen, sammle die Antworten – und dann können wir das Thema abhaken. Aber so einfach ist es nicht. Es gibt über 40 Symptome der Menopause. Und sie sind extrem unterschiedlich. Manche Frauen kommen scheinbar problemlos durch diese Phase. Andere können kaum noch arbeiten.
Und immer wieder tauchte dieses Wort auf: „möglicherweise“. Nach den Dreharbeiten war klar: Die eindeutigen Antworten fehlen, weil die großen systematischen Studien nie gemacht wurden.
Warum wissen wir so wenig?
Belle&Yell: Wir reden hier über die Hälfte der Weltbevölkerung. Warum wissen wir so wenig?
Louise:
Weil der männliche Körper jahrhundertelang die Norm in der Medizin war. Frauen galten als „zu kompliziert“ für Studien. Unser Zyklus wurde zum Argument, uns auszuschließen. Noch heute fließen weniger als fünf Prozent der globalen Forschungsgelder gezielt in Frauengesundheit. Das ist kein Zufall. Das ist strukturell.


Menopause ist kein Luxusproblem. Es ist ein Wirtschaftsproblem.
Im Film geht es nicht nur um Hitzewallungen, sondern um gesellschaftliche Folgen.
- 44 % der Frauen berichten, dass ihre Arbeitsfähigkeit durch Wechseljahressymptome beeinträchtigt ist
- 10 % haben ihren Job aufgrund von Symptomen aufgegeben
Louise:
Viele Frauen sind am Höhepunkt ihrer Karriere, wenn die Menopause beginnt. Wenn sie ausfallen, ist das ein Verlust für sie – und für die Gesellschaft. Aber wir sprechen nicht darüber. Es ist immer noch ein Tabu.
Schlaf, Gehirn, Alzheimer
Belle&Yell: Der Film stellt unbequeme Fragen: Warum haben Frauen zwischen 45 und 54 die höchste Suizidrate? Wie hängen Hitzewallungen mit Alzheimer-Risiken zusammen?
Führende Forscherinnen wie Pauline Maki untersuchen den Zusammenhang zwischen nächtlichen Hitzewallungen und Veränderungen im Gehirn.
Louise:
Schlaf ist kein Wellness-Thema. Wenn wir nicht schlafen, kann sich das Gehirn nicht regenerieren. Und trotzdem bekommen viele Frauen nur Schlafmittel oder Antidepressiva – statt einer ganzheitlichen Betrachtung.


Hormontherapie – zwischen Angst und Evidenz
Belle&Yell: Hormontherapie ist ein kontroverses Thema. Wie gehst du damit um?
Louise:
Ich wollte keine Agenda. Ich wollte zeigen, warum es so viel Verunsicherung gibt. Nach der WHI-Studie 2002 brach die Nutzung weltweit massiv ein. Aber neuere Analysen zeigen: Für viele jüngere Frauen kann das Nutzen-Risiko-Profil positiv sein.
Meine Botschaft ist: Informiert euch. Sprecht mit Ärztinnen und Ärzten. Trefft eure Entscheidung auf Basis von Wissen – nicht Angst.
Eine #MeToo-Bewegung der Menopause
Belle&Yell: Spürst du eine kulturelle Wende?
Louise:
Ja. Während ich den Film machte, begannen Frauen weltweit, ihre Geschichten zu erzählen. Es fühlte sich an wie eine #MeToo-Bewegung der Menopause.
Aber wir stehen erst am Anfang.

Premiere & Movietour mit den TabooTalkerinnen
„Mein neues altes Ich“ ist mehr als ein Film.
Es ist ein Gesprächsangebot.
Nach der Premiere am 12. März 2026 geht das Team auf Deutschland-Tour – gemeinsam mit den TabooTalkerinnen Sandra Baron und Tina Holmes, die im Film ihre Geschichten teilen.
Zehn Städte.
Zehn Abende.
Ein Thema, das neun Millionen Frauen allein in Deutschland betrifft.
Warum du diesen Film sehen solltest
Weil:
- ein Drittel aller Frauen schwere Symptome erlebt
- wir 95 % unseres Östrogens verlieren
- und weil diese Phase nicht das Ende ist – sondern ein Übergang.
Oder wie Louise sagt:
„Ich hoffe, dass die nächste Generation von Frauen nicht nur mit einer Diagnose nach Hause geht – sondern mit Wissen, Verständnis und Hilfe.“


Belle&Yell sagt:Raus aus dem Flüstermodus. Rein ins Kino.
Wir feiern diesen Film. Wir feiern die Frauen, die ihre Geschichten teilen. Und wir feiern jede, die nach der Vorstellung nicht mehr denkt: Mit mir stimmt etwas nicht.
Sondern:
Mit dem System stimmt etwas nicht. Und wir ändern das jetzt.


