Mehr als die Hälfte der Bevölkerung wird sie erleben, doch gesprochen wird darüber kaum: die Wechseljahre. Hitzewallungen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen – Symptome, die für Millionen Frauen Realität sind. Für Unternehmen bedeuten sie Produktivitätsverluste in Milliardenhöhe. Trotzdem bleibt das Thema in europäischen Führungsetagen weitgehend unsichtbar.
Sandra Baron, Executive Coach in Berlin, will das ändern. Gemeinsam mit ihrer Kollegin & Speakerin Tina Holmes hat sie die Initiative TabooTalker gegründet. Ihr Ziel: Die Bedürfnisse von Frauen in den Wechseljahren sichtbar machen – vor allem in der Arbeitswelt.

Ein Tabu mit Folgen
Eine Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin zeigt: Frauen in den Wechseljahren verlieren im Durchschnitt rund 30 Minuten Arbeitszeit pro Woche. Hochgerechnet auf die deutsche Gesamtwirtschaft ergibt das einen Schaden von 9,4 Milliarden Euro jährlich. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen – viele Betroffene verschweigen ihre Beschwerden aus Angst vor Stigmatisierung. „Viele Frauen schämen sich oder wollen ihr Privatleben nicht ins Unternehmen tragen“, erklärt Sandra. Doch, wer schweigt, ist allein – und verpasst die Chance durch dieses Thema – auch im Job – zu wachsen.
Europaweit zeichnet sich ein ähnliches Bild. In Großbritannien schätzt die Menopause-Charity Henpicked, dass jede zehnte Frau ihren Job aufgrund von Wechseljahresbeschwerden frühzeitig aufgibt. In Frankreich hat eine Umfrage des Instituts Ifop ergeben, dass fast 70 Prozent der Frauen die Menopause im Arbeitskontext als Tabuthema empfinden. Und in Spanien fordern Gewerkschaften inzwischen offiziell Anpassungen am Arbeitsplatz, von flexibleren Arbeitszeiten bis zu speziellen Gesundheitsprogrammen.
Symptome, die Karrieren bremsen
Ob Migräne, Frozen Shoulder oder nächtliches Dauer-Schwitzen – über 30 medizinisch anerkannte Symptome können auftreten. „In dieser Zeit übernimmt der Körper das Steuer, und du bist erst einmal machtlos“, so Sandra. Für Führungskräfte heißt das: Nicht nur Strategien, sondern auch das eigene Nervenkostüm stehen auf dem Prüfstand.
Das größte Hindernis? Das alte Narrativ, dass Menopause Frauen schwächt – genau in dem Moment, in dem sie in Vorstandsetagen ankommen. „Wir haben jetzt so viele Frauen in Führungspositionen, die mitten in dieser Phase stecken. Das Thema quillt nach oben, ob wir wollen oder nicht“, sagt Sandra Baron.


Unternehmen reagieren zögerlich
Noch gibt es wenige Best-Practice-Beispiele. Die Berliner Volksbank richtete jüngst einen Raum für den offenen Austausch ein – über 400 Frauen kamen. In Großbritannien hat der Handelsriese Tesco Arbeitskleidung angepasst, um Beschwerden wie übermäßiges Schwitzen zu lindern. In Italien und Frankreich entstehen erste Pilotprojekte in großen Konzernen, die Menopause als Teil von Diversity-Strategien verankern.
Doch insgesamt herrscht Zurückhaltung in deutschen Unternehmensetagen. „HR sitzt oft in einer Sandwich-Position“, sagt Sandra Baron. „Ohne Rückendeckung des Top-Managements wird das Thema nicht in die Unternehmenskultur integriert.“ Im ersten Schritt braucht es vor allem mutige Rollenvorbilder in Führungspositionen, die das Thema Wechseljahre in ihren „persönlichen KPI’s“ verankern.
Verbündete gesucht
Auch Männer spielen eine Rolle. Als Führungskräfte können sie Räume öffnen, Sprache prägen, Tabus abbauen. Ein einfaches Beispiel: unangebrachte Witze unterbinden. „Es geht um Sensibilisierung, nicht um Sonderrechte“, so Sandra Baron.
Ein kultureller Wendepunkt
Langfristig geht es nicht nur um Gesundheit, sondern um Unternehmenskultur. Mehr Offenheit gegenüber der Menopause könnte die Arbeitswelt menschlicher machen – und damit auch produktiver. „Authentizität und Empathie sind zentrale Führungsqualitäten“, sagt Sandra Baron. „Wenn wir das Tabu überwinden, profitieren alle. Jede Frau, die zu ihrer Erfahrung steht, ist ein Vorbild – auch für Männer, die dadurch lernen, verletzlich und empathisch zu sein.“


Wechseljahre in Zahlen
- Deutschland: Rund 9 Mio. Frauen zwischen 45 und 60 Jahren sind aktuell in der Menopause.
- Wirtschaftliche Folgen: 9,4 Mrd. Euro jährlicher Produktivitätsverlust (Studie HRW/HTW Berlin, 2023).
- Großbritannien: Jede 10. Frau kündigt ihren Job aufgrund von Menopause-Beschwerden (Henpicked, 2022).
- Frankreich: 68 % der Frauen empfinden die Menopause im Arbeitskontext als Tabuthema (Ifop, 2023).
- Spanien: Gewerkschaften fordern „Menopause-Policies“ in Tarifverträgen.
- EU-weit: Schätzungen zufolge sind rund 50 Mio. berufstätige Frauen in der Altersgruppe 45–60 von Wechseljahresbeschwerden betroffen.
Was betroffene Frauen tun können
Die Wechseljahre sind keine individuelle Schwäche, sondern ein normaler biologischer Prozess. Trotzdem fühlen sich viele Frauen damit allein. Expertinnen raten:
📄 Dokumentieren: Symptome schriftlich festhalten, um Zusammenhänge besser zu erkennen – das erleichtert auch das Gespräch mit Ärzt:innen.
👯♀️ Verbündete suchen: Im Unternehmen Kolleginnen oder Netzwerke ansprechen. Geschützte Räume wie interne Frauennetzwerke oder externe Communities können Halt geben.
💬 Gespräch wagen: Wer mit klaren Fakten und Vorschlägen auf Vorgesetzte zugeht, signalisiert Professionalität. Ein Satz wie „Ich brauche flexible Arbeitszeiten, um meine Leistungsfähigkeit zu sichern“ nimmt das Thema aus der Tabu-Zone.
🧡 Selbstfürsorge ernst nehmen: Schlafhygiene, Bewegung und Stressreduktion sind keine Luxusfragen, sondern essenziell, um arbeitsfähig zu bleiben.
⚖︎ Rechte kennen: In einigen Ländern, etwa Spanien oder Großbritannien, entstehen bereits arbeitsrechtliche Leitlinien zur Menopause. Ein Blick darauf kann Orientierung geben.
Fazit
Die Wechseljahre sind kein privates Randthema, sondern ein gesamtgesellschaftliches und wirtschaftliches Problem. Unternehmen, die jetzt reagieren, sichern sich nicht nur Fachkräfte, sondern gestalten eine inklusivere Arbeitskultur. Zwischen Wallung und Wandel entscheidet sich, ob die Menopause als Karrierebremse oder als Katalysator für Veränderung wirkt und somit zu einem besseren gesamtwirtschaftlichen Ergebnis beitragen kann.
Regula Bathelt
Regula ist Mitgründerin und CEO von Belle&Yell. Als internationale Marketing- und Branding-Expertin hat sie zahlreiche Marken betreut und mit Unternehmen wie AUDI und der Deutschen Telekom zusammengearbeitet. Mit über 30 Jahren unternehmerischer Erfahrung in TV, Werbung und Digital Business verbindet sie Kreativität mit strategischem Weitblick. Sie war als Wirtschaftsjournalistin und TV-Produzentin für Sender wie ZDF, RTL und Pro7 tätig, bis sie 1997 die Kommunikationsagentur SMACK Communications mitgründete. Bis heute unterstützt SMACK innovative und dynamische Unternehmen bei der erfolgreichen Vermarktung ihrer Produkte und Dienstleistungen. Regula ist überzeugte Europäerin, Wasser ist ihr Element und sie liebt Lesen, Schreiben, Sport und Hunde.


